Interview mit Maribel Gutérrez und Juan Angulo Osorio. (Als Text) Teil 1.

Interview mit Maribel Gutérrez und Juan Angulo  Osorio über die Gewalt und ihre journalistische Arbeit im mexikanischen Bundesstaat Guerrero.
  1. Teil vom 13.04.2016

Gewalt in Guerrero – damals und heute

 M=Maribel

J= Juan

H= Harald

H: Maribel und Juan, ihr habt uns schon einmal besucht vor 5 Jahren, 10 Jahre nach der Ermordung von Digna Ochoa, 2 Jahre nach dem Tod von Felipe Arreaga. Im gleichen Jahr wurden Eva Alarcón und Marcial Bautista entführt auf Nimmerwiedersehen. Unsere Zusammenarbeit hatte sich auf diese Personen und die Ökobauern, später die Ökobäuerinnen in der Sierra de Petatlán konzentriert, so markierte dieser Besuch einen Einschnitt. Unsere Zusammenarbeit ging weiter, aber verändert. Was ist das Motiv eures zweiten Besuches?

M: Wir sind hier, um an den Romerotagen teilzunehmen, und das Thema, das du uns vorgeschlagen hast, “Journalismus im Inferno“, traf unsere Wirklichkeit.  Die Reise  war auch eine Gelegenheit, um ein bisschen Abstand von der Arbeit dort  zu gewinnen, raus zu kommen, bei euch zu sein und mit euch zu sprechen.

H: Der Thema, scheint mir, hat sich geändert und ist doch das gleiche geblieben: die Gewalt in Guerrero. 1998 hast du ein Buch über dieses Thema veröffentlicht. Es handelte von den Massakern in Aguas Blancas und El Charco.

M: Ja, es ging um die Zeit zwischen 1993 und 1998. Die jetzige Gewalttätigkeit ist damit aber nicht vergleichbar, sie ist in einem Maße eskaliert, wie sich das niemand vorstellen konnte:

Drogengewalt und politische Gewalt, beide in nationalen Ausmaßen. Man hatte mich damals gefragt, ob Guerrero Kolumbien gleicht. Ich habe gesagt: nein. Die Gewalt in Guerrero war damals minimal im Vergleich zu Kolumbien. Das ist jetzt anders. In Guerrero ist die Situation horrend, die Gewalttätigkeit ist von einem unglaublichen Ausmaß. Man  könnte meinen, dass die Geschichte voran ginge, dass die politische Repression abnähme. Wir sehen ja, dass es Leute gibt, die gegen die politische Repression kämpfen, dass es Leute gibt, welche die Menschenrechte verteidigen, dass es Leute gibt,  welche die Pressefreiheit verteidigen, dass es Leute gibt, die für ein besseres Leben der Bauern eintreten, der Armen, für eine bessere Bildung. Wie kann es sein, wenn solche Kämpfe existieren, dass dennoch ein so großer Rückschritt eingetreten ist?

H: Du sagst, dass sich das Ausmaß der Gewalt geändert hat; aber sind die Akteure dieselben geblieben? Früher gab es ja die Rebellion der Bauern und die Repression von Seiten der Regierung, der Kaziken, der Armee, und es ging schon mit dem Drogenhandel los. Also, handelt es sich nur um eine Veränderung der Größenordnung oder auch der Akteure?

M: Ja, gewiss gab es schon früher Drogenhandel, aber man sagte in dieser Zeit, dass es den Drogenhändlern wegen des Drogenanbaus nicht ratsam erschien, in Guerrero Gewalt zu entfesseln. Sie wollten die Zonen des Drogenanbaus schützen. Das hat sich geändert, auch qualitativ, weil sich die Aktivität des Drogenhandels zu einem gewissen  Zeitpunkt mit der Drogengewalt verbunden hat als Folge der  Kämpfe zwischen den  Drogenkartellen. Zum ersten Mal erschien in Mexiko  ein Typus  extremer Gewalt: Enthauptungen. Die Köpfe wurden an öffentlichen Plätzen ausgestellt, um zu terrorisieren, und als Form des Streites zwischen Drogenkartellen.

H: Gab es vorher keine Kriege zwischen den Kartellen?

  1. Doch, aber es gab ein dominantes Kartell, das von Sinaloa mit Chapo Guzmán. Es gab schon 10 Jahre ununterbrochener krimineller Gewalt. In Guerrero hat sich das auch auf die sozialen Kämpfe ausgewirkt, weil der Staat diese Situation extremer Gewalt benutzt hat, um  die Bevölkerung einzuschüchtern und die Beteiligung der Leute am sozialen Kampf zu dämpfen,  ja sogar zu unterdrücken.  Unter dem Vorwand des Drogenhandels hat der Staat andere Akteure angeklagt, für die Gewalt u.a. gegen soziale Kämpfer verantwortlich zu sein, Wer hat jemand ermordet? Es waren die Narcos. Wer hat einen Journalisten umgebracht?  Es waren die Narcos. Wer hat eine Zeitung angegriffen? Es waren die Narcos. Früher gab es in solchen Fällen direkte Anklagen gegen den Staat. Wer hat  die 43 Studenten von Ayotzinapa verschwinden lassen? Es waren die Narcos. Es war nicht der Staat, es war nicht die Regierung, es waren keine Behörden. Klar, das ist eine Strategie, und zwar eine perverse.

H: Um bei den Drogenhändlern  zu bleiben, die sich anscheinend sehr vermehrt haben, von woher kommen sie, und wer sind sie?

J: Es gibt in Guerrero große Armut, keine Beschäftigung, keine Industrie, daraus rekrutiert sich das Heer der Drogenhändler, viele junge Leute …

M: Das bezieht sich auf die Gruppen. Davor war es das Kartell von Sinaloa, jetzt ist die Frage, wer zu welcher Gruppe gehört und warum sie miteinander streiten.

J.: Es gab ein dominantes Kartell bis 2005, das Guerrero in zwei Hinsichten betrachtete:

als Ort der Aussaat von Mohn und Anbau von Marihuana einerseits, als Wohnsitz in Acapulco andererseits. Chapo Guzmán wohnte in Acapulco, in der ehemaligen Residenz des Gouverneurs. Später wurde sie beschlagnahmt und der Regierung geschenkt. Dort hat er mit seiner Familie gelebt, mit seiner Frau und seinen Kindern und ein gesellschaftliches Leben gepflegt. Das alles hat sich verändert, als in Tamaulipas der Chef des Golfkartells, Osiel Cárdenas festgenommen und an die USA ausgeliefert wurde. Als das passiert war, hat sich das Kartell von Sinaloa in Tamaulipas festgesetzt und insbesondere in Nuevo Laredo. Das Kartell von Sinaloa wurde von den Brüdern Beltrán Leyva angeführt. Das Golfkartell, das  mit den Zetas liiert war, ging nach Acapulco nach dem Motto:. wenn sie unser Territorium angreifen, greifen wir ihres an“.

M: als eine Vergeltung gingen die Auftragsmorde los.

J: Und so ist die extreme Gewalt in Guerrero ausgebrochen: es gab eine Konfrontation in Acapulco zwischen der Bezirkspolizei und dem Kartell von Sinaloa, und man sagte immer, dass die Bezirkspolizei von dem Kartell in Tamaulipas infiltriert sei. Danach gab es eine Spaltung im Kartell von Sinaloa, weil einer von den Beltrán Leyvas, Alfredo, alias El Mocho, der in Acapulco lebte, festgenommen wurde. Er hatte einen Fuß in Acapulco. Die Leyvas haben immer Chapo Guzmán beschuldigt, ihren Bruder  verraten zu haben. So spaltete sich das Kartell von Sinaloa und die Beltran Leyvas begannen, Chapo Guzmán zu bekämpfen. Und so wuchs die Gewalt in Guerrero in 3 Gruppen: auf der einen Seiten standen die Zetas, auf der anderen die Beltran Leyvas und schließlich Chapo Guzmán. Im Dezember 2010 wurde der Chef der Beltrán Leyvas in Cuernavaca umgebracht. Daraufhin spaltete sich diese Gruppe in viele kleine Gruppen: eine in Acapulco, Los Rojos in Chilpancingo, in Iguala die Guerreros Unidos, die beschuldigt werden, die 43 Studenten entführt zu haben.

H: Was ist mit Rogaciano Alba passiert?

J: Er ist weiterhin im Gefängnis.

H: Gibt es eine Anklage?

J: Ja, aber kein Urteil. Er wurde angeklagt wegen Verbrechen gegen die Gesundheit und wegen organisierter Kriminalität.

 

Schicksal der  Ökobauern in der Sierra de Petatlán

H: Als wir anfingen zusammenzuarbeiten, waren die Ökobauern die Guten und die Kaziken die Bösen. Haben die Ökobauern auch die Seite gewechselt? Sie waren ursprünglich im Widerstand, sind sie jetzt auch zu den Drogenhändlern übergegangen? Beispiel die Familie Torres.

M: Die Familie Torres gehörte nicht wirklich zu den Ökobauern wie Felipe Arreaga, Juan und Marcial Bautista, Eva Alarcón, Servando, Chucho Bautista. Sie sind in der Organisation geblieben und sind nicht zu den Narcos übergegangen. Die Torres haben, wie gesagt, nie zu der Ökoorganisation gehört. Diese Familie war aus der Sierra und kämpfte gegen Rogaciano. Die Organisation hat sie vielleicht nicht aufgenommen. Nach dem Verschwindenlassen von

Marcial Bautista und Eva Alarcón (2011) hat die Organisation der Campesinos Ecologistas  sich weniger öffentlich betätigt. Nur bei besonderen Anlässen haben sie sich in der Öffentlichkeit gezeigt, aber sie machen weiter mit der Verteidigung des Waldes, mit der Produktion von Obst, mit den Gemüsegärten Sie wurden immer wieder bedrängt von einer Gruppe von Drogenhändlern, die in die Region, wo sie sind, eingedrungen waren, selber Drogenhandel zu betreiben. Mit  denen machten die Torres gemeinsame Sache.  Sie töteten  einige. Ca 40 Dörfer wurden total verlassen, weil die Bedrohung durch die Drogenhändler sie vor die Wahl stellte, wegzugehen oder umgebracht zu werden.

H: Celsa  wagte es nicht mehr, in die Sierra zu gehen. Es scheint, dass ihre Organisation nicht mehr existiert.

M: Ich weiß es nicht, es kann sein, dass die Aktivität ebenfalls weiter geht, aber nur intern. Es gibt keine öffentliche Wirksamkeit mehr. Wir Journalisten wissen nur, was veröffentlicht wird. Es kann sein, dass die Organisation weiterhin aktiv ist, aber ohne öffentlich in Erscheinung zu treten.

Verantwortung der Parteien, der Regierungen  und des Präsidenten

H..: Wir könnten mit den Aktivisten in Guerrero von heute weitermachen, aber zuerst möchte ich mit euch über die Rolle der Regierung sprechen und den Besuch des Präsidenten gestern in Hamburg. Die Demonstranten gaben ihm die Verantwortung für das Verschwindenlassen und die wahrscheinliche Ermordung  Ist das richtig?

M: Ja, es ist richtig. Wir können das in zwei Perspektiven sehen: er ist politisch verantwortlich für alles, was in dem Land geschieht. Und er ist verantwortlich dafür, dass die Täter festgenommen werden.  Meinst du alle Verschwundenen oder nur die Studenten?

H: alle

M: Ja, der Präsident ist verantwortlich. Er sollte politische Maßnahmen ergreifen. Er könnte die Verbrechen, sowohl die politischen als auch die Drogendelikte, bestrafen und dadurch vermindern. Er ist  verantwortlich dafür, dass die Zahl der Verschwundenen steigt: es sind schon mehr als 27 000, fast 28 000 .

Die Politik ist verantwortlich dafür, dass die Gewalt eskaliert. Es gibt keine wirksame Politik von Kampf gegen die Verantwortlichen für die Drogengewalt, und es gibt keine Politik, die bestraft und Recht schafft. Wenn wir von der politischen Gewalt sprechen: es gibt Indizien, und Beweise dass der Präsident nicht nur verantwortlich ist für das Fehlen einer Politik oder ihre Unwirksamkeit, sondern auch für die Beteiligung des Militärs und der Polizeikräfte an der Repression der Studenten von Ayotzinapa  am 26. September 2014. Soldaten folgen nirgends dem eigenen Befehl, Polizisten ebenso wenig. Wer sind die höchsten Autoritäten, die diesen Einsatz befohlen haben? Natürlich ist das der Präsident. Deshalb meine ich, dass die Demo in Hamburg Recht hatte mit ihrem Motto.

  1. Sprechen wir über die Gouverneure von Guerrero. Wir kennen die Rolle von Figueroa. Dann kamen zwei Veränderungen. Die PRD kam ans Ruder, und es gab Hoffnung. Dann kam eine PRI- Regierung und wieder Hoffnung. Was ist tatsächlich passiert?

J:. Es hat sich nicht viel verändert. Die Hoffnungen wurden frustriert. Die Erwartungen erfüllten sich nicht. Der PRD wurde als Linke gewählt, aber sie hat mit der Trägheit der Vorgänger regiert, ohne dass es eine grundlegende Veränderung gab. Die Strukturen der Polizei wurden nicht berührt, die der Staatsanwaltschaft auch nicht

H: Es hängt anscheinend nicht von den Personen ab, sondern von dem Regierungssystem, nicht wahr?

J: Ja, im Allgemeinen ist es so. Die Art und Weise, wie sie durch das Wahlverfahren an die Macht kommen, bedingt  einen exzessiven Respekt der neuen Regierenden   für die Institutionen. Die PRD-Leute sagen selbst, wir haben eine Wahl gewonnen, aber keine Revolution gemacht. Das stimmt aber so nicht, weil sie auch von oben tiefgreifende Transformationen in Gang setzen könnten, wenn sie nur wollten. Wenn die Institutionen sehr geschlossen sind, sollten sie die Bevölkerung aufrufen, sie zu öffnen. Aber sie bleiben oben und vergessen die Leute, die sie in die Regierung brachten, und fangen an, mit den immer gleichen Mächtigen zu paktieren. Anstatt mit dieser Trägheit zu brechen und zu sagen, wir werden  mit dem Volk und für das Volk regieren, und wenn das eine Konfrontation der Leute mit der Macht bedeutet, werden wir den Leuten vertrauen, dass sie uns unterstützen. Nichts davon, sie passen sich an.

H: Welches sind ihre dominanten Motive? Sich zu bereichern?

J: Die Korruption. Ich denke, das ist das Wichtigste, und auch die Angst, weil sie sehen, dass die Mächtigen in Mexiko zu allem fähig sind. Das waren nicht nur die  massiven Repressionen, über die Maribel über die Jahre in unserer Zeitung berichtet hat. Aguas Blancas, El Charco, Ayotzinapa…, sondern es gab  eine unaufhörliche  selektive Repression: Digna Ochoa, Rocío, die indigenen Anführer von Ayutla, der Abgeordnete Armando Chavarría, der als Präsident des Kongresses ermordet wurde.

  1. : Nicht zu vergessen die Attacke auf El Sur.

J: Ich glaube, dass die Leute, die sich in die Politik mischen, denken, dass sie, wenn sie sich radikalisieren, ermordet werden. Ich denke, die Korruption ist das Wichtigste. Wenn sie an der Macht sind, werden sie korrumpiert, passen sich an und machen Geschäfte von der Machtposition aus.

  1. Um über den aktuellen Gouverneur zu sprechen: meint ihr, dass es eine direkte Komplizenschaft mit den Kartellen gibt?

J: Das ist ein allgemeines Problem, nicht nur von der Regierung von Guerrero, sondern von ganz Mexiko. In Kolumbien sitzen z. B. mehrere Gouverneure, Senatoren, Abgeordnete, Bürgermeister  im Gefängnis. In Mexiko kein einziger. Kein Politiker sitzt im Gefängnis wegen seiner Verbindungen mit der organisierten Kriminalität, nur der Bürgermeister von Iguala, aber aus anderem Grund.

H: Hat das Regierungssystem sich total immunisiert, oder gibt es auch intern oppositionelle politische Kräfte, die es durchlöchern können? Ich finde die Initiative der Senatorin Laura Rojas vom 8. März interessant, weil sie den Staatsministern die Verantwortung gibt und es anscheinend Kräfte im Senat gibt, die nicht völlig auf der Linie liegen oder?

M: Das glaube ich nicht. Sie müssen irgendetwas tun, wenn sie eine Kommission für den Fall Ayotzinapa bilden. Sie gehen nicht über  Erklärungen, Treffen hinaus über das, was die  Parteien wollen, und die Parteien wollen das Gleiche, was das System will. Warum haben  die Regierenden von Guerrero, die mittels anderer Parteien an die Macht kamen, z.B. der PRD, nicht mehr gemacht?  Weil sie korrumpiert wurden und Verpflichtungen eingegangen sind und weil die Parteien nicht weiter gehen wollen. Sie sind Teil desselben Systems, Parteiensystems, Es gibt personelle Wechsel, aber der Wechsel von Parteien stellt keine Änderung der Politiken oder der Regierungsweise dar. Es kommt fast auf das Gleiche  hinaus.

J: Das ist die große Tragödie von Mexiko. Es gibt keine Alternativen, keine Hoffnungen.

Früher sagte man, wenn eine Partei an die Macht kommt, die anders als der PRI ist, wird sich schon aus diesem Grund etwas ergeben, eine unterschiedliche Korrelation, eine andere Situation.. Nun hat der PAN 2 Perioden regiert, der PRD hat mit Bürgermeistern in verschiedenen Bundesländern und Stadtverwaltungen,  in Mexiko City regiert, aber  man hat keine gründlichen Veränderungen erlebt.

Bedeutung der Zentren für Menschenrechte

H: Ich habe ja selbst meine Erfahrungen mit der Justiz gemacht. Aber wie seht ihr die Rolle des in Mexiko sehr ausgedehnten Systems der Menschenrechte, seinen Einfluss und seine Absichten. Hat es eine Wirkung in der Realität?

M: Die Nicht-Regierungs-Menschenrechtszentren spielen, meine ich, eine sehr wichtige Rolle. Sie gehen über das System hinaus. Sie sind die einzigen, die mit dem System brechen. Zum Beispiel frage ich mich, wie es um die Eltern von Ayotzinapa stünde, wenn Tlachinollan nicht existierte. Sie könnten nichts machen. Es gab eine wüste Attacke gegen Tlachinollan schon vor Ayotzinapa, bevor die ersten beiden Studenten ermordet wurden. Heute morgen hat mir Vidulfo, der Anwalt von Ayotzinapa, mitgeteilt, dass  heute eine neue Attacke  gegen ihn inszeniert worden ist, bei der Telefongespräche manipuliert wurden mittels der Ausspionierung seines Telefons. Sie legten ihm etwas in den Mund, was er nicht gesagt hatte. Das sind wüste Attacken auf die Nicht regierungsorganisationen, die tatsächlich unabhängig sind, und wenn die nicht existierten, würde auch kein nachhaltiger Kampf der Betroffenen und der Opfer existieren, glaube ich. Wir können anerkennen, dass es einen Raum außerhalb des Systems gibt, wo man  sich an die Seite der Armen, Unterdrückten stellt, derer ohne Rechte und Gerechtigkeit. Sie sind die einzigen, die sie begleiten. Die Parteien stehen nicht auf der Seite der Opfer, auch nicht auf der Seite des sozialen Fortschritts. Zum Beispiel, um noch einmal von Tlachi zu sprechen: es gibt in Guerrero eine sehr wichtige Bewegung, die sich dem Bau eines Staudamms widersetzt, La Parota. Wenn La Parota gebaut würde, wäre das ein ökologisches und ein humanitäres Desaster. Es gibt Bauern, die sich diesem Staudamm widersetzen. Sie haben die Unterstützung von Tlachi, und wenn sie die nicht hätten, wäre das eine ganze andere Situation.

H: Du sprichst nicht vom Centro PRO?

J: Weil wir in Guerrero sind.

H: Arbeiten sie nicht auch in Guerrero?

J: Tlachinollan arbeitet mit ihnen zusammen.

H: Und die Interamerikanische Kommission?

M: Jetzt gab es eine von der Regierung sehr unabhängige Intervention der Kommission, obwohl sie selbst eine Regierungsinstitution ist.

J: Aber die Krise der Menschenrechte ist so groß, dass selbst die Interamerikanische Kommission die Augen davor nicht verschließen kann. Sie muss einfach etwas tun. Das ist nicht so freiwillig, schließlich ist sie eine von Regierungen beschickte  Kommission. Ich glaube vielmehr, dass sie sehen, dass diese Situation eine soziale Explosionen schaffen kann, eine politische Destabilisierung. Diese Situation versuchen sie zu verhindern.

Gerade heute ist auch der deutsche Bundespräsident nicht stumm geblieben gegenüber Peña Nieto. Was Angela Merkel gestern über die 43 gesagt hat, das hat sie nicht nur bei einem privaten Treffen gesagt, sondern in der Pressekonferenz. Also, ich glaube, dass die Situation in Mexiko einen Punkt erreicht hat, der selbst bei den Regierungseliten anderer Länder Besorgnis hervorruft, weil sie ihre Interessen beeinträchtigt sehen können, wenn es eine soziale oder revolutionäre Explosion im Land gibt, was durchaus möglich ist…

Ayotzinapa und wir[1]

H: Der Fall der 43 Studenten hat große  Aufmerksamkeit im Ausland gefunden, auch in Deutschland. Denkt ihr, dass diese Aufmerksamkeit den Aktivisten, den Eltern hilft. Oder bedeutet sie ein weiteres Risiko für sie?

M: Es ist sehr wichtig, dass diese Bewegungen nicht isoliert sind. Wir intervenieren ja auch vor Ort mit den Medien. Weil die ständige Verbreitung dieses Problems hilft, bewusst zu machen, dass es da ist, dass es nicht gelöst ist und am Leben bleibt. Das ist die eine Seite, die Verbreitung, die andere ist die Solidarität und die Beteiligung anderer Länder, von Bürgern anderer Länder, mit der Bewegung der Eltern. Kürzlich frage ich mich, als ich mit dir sprach, wie ihr in den Romerotagen über andere Länder sprecht, wo ihr doch hier seid, wo ihr doch ganz   ruhig sein könntet. Aber was ich nun sehe bei den Organisationen, die ihr habt, ist, dass ihr uns zeigt, dass wir in derselben Welt sind. Also betrifft das, was dort geschieht, auch euch.

In einer Welt leben, das bedeutet, dass es darin eine Zone oder ein Land gibt, wo man weiterhin Studenten umbringt oder verschwinden lässt, wo man die Leute ermordet, die für eine Änderung streiten, die ihre Ländereien verteidigen, die Wälder, das Wasser. Die Verteidigung der Wälder sollte die ganze Welt betreffen. Ebenso die Verteidigung des Wassers. Ist es nicht so?

Dann verstehe ich eure Bewegung, jetzt spreche ich ja mit euch. Aber ich glaube, dass es in der Welt noch andere geben muss. die sehen, dass Ayotzinapa nicht ein lokales Problem weitab ist.  Es kann sehr wohl sehr barbarisch sein, sehr schrecklich. Ayotzinapa liegt in einer Welt, in der wir alle sind.

An zweiter Stelle verbindet uns auch, dass deutsche Waffen benutzt wurden, und eine Gruppe aus Deutschland hat das im Detail aufgedeckt. Nicht wie haben es aufgedeckt. Wer hat detailliert aufgedeckt und detailliert öffentlich gemacht, dass die Waffen, die 2011 auf die Studenten von Ayotzinapa gefeuert haben, G-36 waren, und wer hat aufgedeckt, dass sie in Iguala wieder dieselben Gewehre benutzten? Wer hat aufgedeckt, dass die mexikanischen Drogenhändler von Guerrero das G-36 haben?  Ich war dort, als  sie diesen Drogenhändler  festnahmen, aber ich habe nicht gemerkt, dass es das G-36. Es waren deutsche Journalisten in diesem überaus wichtigen Dokumentarfilm, die das aufdecken konnten.

Also sind die Beiträge, die ihr leisten könnt, sehr wichtig; es sind Arbeiten, die wir nicht leisten können, erstens wegen unserer beschränkten Ressourcen, zweitens weil unsere Aufmerksamkeit  auf  unmittelbare Dinge gerichtet ist. Wir haben nicht die Kapazität, so in die Tiefe zu gehen oder einen Aspekt in den Brennpunkt zu stellen wie den, von welchem Typ die Waffen sind.

H: Andererseits macht uns die Aufmerksamkeit, die El Sur den deutschen Initiativen  hier schenkt, auch Hoffnung. Es ist sehr wichtig, dass wir nicht nur in Deutschland sind. Wir sind in derselben Welt, und es gibt eine Zusammenarbeit und eine gegenseitige Aufmerksamkeit, auch in Mexiko.

[1] Thema fortgesetzt im 2. Teil des Interviews

This entry was posted in Ökobauern in Guerrero, Ökofrauen in Guerrero. Bookmark the permalink.

Comments are closed.