Interview mit Maribel Gutérrez und Juan Angulo Osorio. (Als Text) Teil 2.

Interview mit Maribel Gutérrez und Juan Angulo  Osorio über die Gewalt und ihre journalistische Arbeit im mexikanischen Bundesstaat Guerrero.
  1. Teil vom 15.04.2016

M=Maribel

J= Juan

JK = Jutta Klass

L=Leticia

H=Harald

Journalismus in Guerrero

 JK: Mit welchen Adjektiven würdet Ihr Mexiko, mit welchen den Bundesstaat Guerrero beschreiben? Ihr dürft jeweils fünf Adjektive benutzen.

 M: Für Guerrero würde ich folgende Adjektive benutzen: gefährlich, ausgebeutet, ausgeplündert, unterdrückt und (nach einer kurzen Pause) kämpferisch. Und die Situation in Mexiko allgemein würde ich mit verschmutzt, chaotisch, an einige Orten ebenfalls gefährlich und ausgebeutet und unterdrückt beschreiben.

 J: Für Mexiko: verarmt, ausgeplündert, im Zerfall begriffen. Und für Guerrero: verarmt, unterdrückt, dramatisch, was die allgemeine Situation betrifft.

JK: Warum seid ihr JournalistInnen geworden? Und seit wie vielen Jahren arbeitet Ihr bereits als JournalistInnen?

J:  Bereits im Studium habe ich an studentischen Publikationen mitgearbeitet. Allerdings habe ich nicht Journalismus studiert, sondern Soziologie. Aber das Schreiben fiel mir leicht, es kam von selbst. Es war eine Art Berufung. Es war eher Zufall, dass ich Journalistin wurde. Ich hatte zufällig jemanden von der Chefredaktion von La Jornada kennengelernt, der mich ermunterte, die Aufnahmeprüfung bei La Jornada abzulegen. Ich hatte ihm vorher angeboten, ihm einige meiner Artikel zu vorbeizubringen, doch er meinte, dass ich die Aufnahmeprüfung ablegen müsse. Es war eine sehr schwierige, sehr rigide Prüfung. Aber ich bestand sie und blieb als Journalist bei La Jornada.

 M: Ich studierte Journalismus, weil ich etwas studieren wollte, mit dem ich den Menschen, aber auch mir helfen könnte. Als ich das Studium beendet hatte, gab es verschiedene Möglichkeiten: an der Uni zu bleiben, um dort Journalismus zu unterrichten, oder bei einer größeren Zeitschrift anzufangen. Aber ich hatte festgestellt, dass der wichtigste Teil des Journalismus die Suche nach Informationen, die Recherche war. Also eigentlich der Bereich, der oft unterschätzt und als nicht so wichtig eingestuft wird, das Schreiben von Nachrichten.

JK:  Wie lange arbeitet Ihr schon als JournalistInnen?

 J: Maribel schon viel länger als ich.

M: Ich arbeite schon seit mehreren Jahrzehnten, seit ungefähr 30 Jahren als Journalistin.

Während des Studiums jobbte ich bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften.

J: Ich fing mit 18 Jahren an – bei einem kleinen Radiosender. Wie schon gesagt, war ich schon älter, als ich anfing als Journalist zu arbeiten. Ich war bereits 30 oder 32 Jahre alt.

M: Deshalb konntest du auch nicht mehr einfacher Reporter sein.

J: Das meinte auch mein Chef, der mit 16 bei La Jornada angefangen hatte.

JK: Von wem geht für euch als kritische, investigative  Journalisten die größte Gefahr aus? Warum?

 M: Für die Zeitung, für die wir arbeiten, also El Sur, besteht die größte Gefahr in der Intoleranz der jeweils Regierenden. Das hat mit der in der Realität nicht existierenden Meinungs- und Pressefreiheit in Mexiko zu tun. Es gibt zwar die entsprechenden Rechte und Gesetze, doch in der Wirklichkeit werden sie nicht respektiert. Und du musst permanent dafür kämpfen, dass sie respektiert und eingehalten werden. Seit mehr als 15 Jahren steht hinter der Ermordung von zahlreichen JournalistInnen in Mexiko und die Bedrohungen von noch mehr von ihnen, das organisierte Verbrechen, vor allem die Drogenkartelle. Aber der eigentlich Verantwortliche für diese Situation ist der Staat, ist die Regierung, denn sie ist für die herrschende Straffreiheit verantwortlich. Ich glaube nämlich nicht, dass diese Verbrechen, die Ermordung, Verfolgung und Bedrohung weiter so zunehmen würden, wie es der Fall ist, wenn diese Verbrechen tatsächlich verfolgt und bestraft würden. Deshalb ist die Regierung die eigentliche Gefahr. Und wenn wir einzelne Fälle durchgehen, wird deutlich, dass zwar das organisierte Verbrechen eine Rolle spielt, aber die politisch Verantwortlichen in den jeweiligen Regierungen sitzen.

JK: Gestern auf der Veranstaltung habt Ihr bereits ausführlich über die konkrete Bedrohung Eurer Arbeit in Guerrero berichtet, deshalb  die Frage, wie Ihr Euch, Eure Familien und Eure Mitarbeiter in der Zeitung und deren Familien schützt?

J: Wir haben keine Kinder, so dass sie nicht zur Bedrohung instrumentalisiert werden können. Was unsere Kollegen betrifft, so haben wir verschiedenen Schutzmaßnahmen entwickelt. Ich gebe Euch das Beispiel einer Kollegin, die für die Berichte über Polizeiaktivitäten zuständig war und eigentlich Tag und Nacht diese Aufgabe wahrnahm. Als sie bedroht wurde, versetzten wir sie in einen anderen Aufgabenbereich, denn sie hatte ein Kind, ein Baby. Das war die Maßnahme, die wir ergriffen haben. Aber es gibt keine Art  allgemeine „Sicherheitspolitik“, die über den Schutz der einzelnen Reporter und MitarbeiterInnen hinausgeht. JedeR von ihnen ergreift zusätzlich die Maßnahmen, die er/ sie für richtig hält.

JK:  Wie schafft Ihr es, trotz alledem weiterzumachen und nicht aufzugeben? Wer oder was hilft Euch, zu widerstehen?

M: Wir haben eigentlich keine Zeit, um z.B. Musik zu hören oder Sport zu treiben, aber wir klauen manchmal die Zeit, um ins Kino zu gehen und 4 Filme auf einmal anzuschauen. In Chilpancingo gib es aber kein Kino, wir müssen dazu nach Mexiko Stadt. Wir stehen sehr unter Zeitdruck. Ich glaube, in meinem Fall und bei den anderen Kollegen ist es die Arbeit, die uns in Gang hält. Ich meine, die journalistische Arbeit bringt uns jeden Tag etwas anderes, jeden Tag fängst du an und du hast ein neues Panorama. Das macht dich lebendig und motiviert dich und anspornt. Am selben Tag müssen wir fertig werden, denn es ist eine Tageszeitung, und am folgenden Tag wiederholt sich das Gleiche. Du wirst mit etwas konfrontiert, du entwickelst das, du kämpfst und schließt ab, und wiederum das Gleiche am nächsten Tag. Ich glaube, es ist diese tägliche Spannung, die uns dazu bringt, weiter zu machen. Tatsächlich ist El Sur durch sehr schwierige Phasen gegangen.  Es gab viele Jahre, in denen alle Gouverneure uns zum Verschwinden bringen wollten. Aber wir lebten in der Spannung und der Herausforderung, die Zeitung aufrecht zu erhalten. Außerdem wussten wir, dass die Arbeit, die wir machten,  sinnvoll sei. Wir bekommen die Rückmeldung der Leute und wissen um die Bedürfnis der Leute, die sonst keine Möglichkeit haben, ihrer Probleme und die Informationen, die sie haben, auszusprechen. Seit den Anfängen von El Sur waren sie mit uns zusammen, und so ist es nach 23 Jahren noch geblieben. Also wissen wir, dass wir etwas für sie Nützliches tun, und dass, wenn du diese Arbeit nicht machtest, sie sonst niemand tun würde.  Das hält uns im Gang bei der täglichen Arbeit, und die tägliche Arbeit hält uns in Gang.  El Sur ist eine lokale Tageszeitung in Guerrero, eine kleine, eine in Guerrero am meisten gelesene, aber ist trotzdem immer noch eine lokale Zeitung. Wir müssen die Bedeutung einer lokalen Zeitung schätzen lernen. Es gibt freilich Kollegen, die in Guerrero studiert haben, aber die danach strebten, bei einer nationalen oder vielleicht sogar weltweiten Zeitung mitzuarbeiten, z.B. der New York Times. Aber der lokale Journalismus ist meiner Meinung nach wertvoller, vielleicht nicht wertvoller, aber gleichwertig, jedenfalls unterschiedlich. Worin besteht der Unterschied? In der Nähe zu den Leuten. Z.B. Tatsachen, die sich plötzlich in nationale oder sogar weltweite Nachrichten verwandeln, wir wissen, warum sie geschehen, weil wir sie von ihrem Ursprung aus verfolgen, bevor sie sich zu einem großen Skandal ausweiten. Wir haben das Privileg, dort zu sein, bevor die großen Ereignisse geschehen,  das Privileg, alle Tage diese Information zu haben, die danach sich in eine große Reportage verwandeln in einer größeren Zeitung mit größerem  Umkreis. Weil wir immer da sind, wissen wir mehr. Es geht es nicht darum, zu suchen, zu veröffentlichen in einer Zeitung von großem Ruf oder hoher Auflage, sondern zu wissen, dass wir näher an den Problemen sind. Wir kennen sie besser. Erst dann  beginnt die Berichterstattung der anderen Medien, die größere Bedeutung haben, höhere Auflage und mehr  Verbreitung.

H:  Mir scheint,  dass dein Mut und deine  Leidenschaft für den Journalismus dich motivieren, die Investigation, deine Kenntnis der Leute und der Orte. Dieser Journalismus des direkten Kontaktes, den kannst du jetzt nicht fortsetzen. Jetzt erhältst du Informationen, die du verarbeitest, oder wie läuft es jetzt?

M: Ich bin jetzt Teil eines Teams und arbeite als Herausgeberin, nicht als Reporterin. Wir arbeiten an aktuellen Themen, etwa Mohn und der Rolle der Armee. Jemand hat mit mir auch über die Feminizide geforscht, weil die Regierung zu kaschieren sucht, was in diesem Bereich passiert. In Guerrero gibt es, so die Regierung, keine Feminizide, weil man nicht den Gender Alarm (alerta de género) ausrufen will. So hat bspw. ein Kollege geguckt, wie viele Morde an Frauen 2016  täglich in der Zeitung veröffentlicht wurden. Niemand gab eine Zahl von Feminiziden in Guerrero an, und wir haben gemeinsam analysiert. Früher war ich alleine für so eine Forschung verantwortlich.

Betroffenheit

 L: Wie kiegt ihr das hin, nicht von diesen Themen berührt zu werden, etwa vom Verschwindenlassen von Personen?

M: Natürlich berührt dich das; wenn ich manche Nachrichten lese, weine ich, aber danach muss ich weitermachen. Einmal fragte mich Juan, warum ich nicht eine Forschung über die Quellen (Informanten) mache, die ich verwendet habe, seitdem ich in Guerrero arbeite, Quellen, die in diesen Jahren ermordet worden sind

J:  circa hundert, alles Bekannte von Maribel.

M: alle waren sehr nahe stehende Informanten, z.B. Felipe von den Ökobauern oder Eva und Marcial, die verschleppt wurden und deren Töchter nach ihnen suchen. Sie riefen mich an, damit ich hinkomme, nachforsche und berichte. Dass sie  verschwunden sind, das erschüttert mich natürlich. Aber wir arbeiten immer weiter. Es gibt Organismen, die Journalisten schützen, die sagen, wir sollten Therapien bekommen. Wir bekommen keine und sicherlich schadet uns das. Wenn meine Kollegen von der extremen Gewalt berichten, will ich es nicht hören. Ich fühle mich schlecht. Sie und wir sollten tatsächlich eine Therapie bekommen. Denn wir arbeiten immer weiter. Der psychologische Schaden hat sich bei einigen Kollegen in physischen Schaden verwandelt.

Was wir tun ist, diese Kollegen vom Außendienst abzuziehen und mit editorischen Aufgaben zu beschäftigen oder sehr flexibel zu reagieren, wenn sie Freizeit haben wollen. Als die extreme Gewalt begann, hat sich alles verändert. Zu Beginn konnte man nicht sagen, ich kann nicht dahin gehen, denn die journalistische Disziplin war wie eine militärische. Als ich als Reporterin in einem Journal anfing und meine Schwestern heirateten, konnte ich nie zu den Hochzeiten gehen. Es war undenkbar, bei der täglichen Arbeit um Erlaubnis dafür zu bitten. Heute aber, wenn ein Reporter mir sagt, dass er über irgendeinen Fall nicht berichterstatten will, weil er Angst hat, sage ich ihm, dass das in Ordnung ist. Nicht dass ihm unbedingt  etwas zustoßen würde,, aber die Tatsache, dass er Angst hat, behindert seine Arbeit.

J: Wir versuchen, ein normales Leben zu führen. Das ist wie eine Verteidigungsmauer. Wir können abends nicht mit Freunden ausgehen; es ist nicht einfach; wir bleiben lange zu Hause. Dort haben wir ein Büro eingerichtet. Aber wir versuchen auch, zum Essen rauszugehen, nach Acapulco oder nach Mexiko-City zu fahren. Weniger als früher. Ich bin sehr viel vorsichtiger geworden, insbesondere nachts rauszugehen oder zu fahren.

M: Wir wohnen außerhalb Chilpancingos, aber wir müssen eine Wohnung direkt bei der Zeitung haben, weil wir nicht rauszugehen können. So ist es nicht mehr so normal, einen doppelten Haushalt zu führen. Wenn wir außerhalb Chilpancingo sind, können wir nicht mehr häufig rausgehen. Das hat weniger mit der Gefahr zu tun als mit der journalistischen Arbeit. Denn Juan muss täglich das Titelblatt  überprüfen, egal wo auch immer er sich befindet, auch außerhalb Mexikos oder im Urlaub. Er ist verantwortlich dafür. So muss er etwa, wenn er in Paris ist, gegen 4:00 Uhr morgens wegen der Zeitverschiebung den Titel lesen und ggf. verändern . Das ist eine übliche Praktik bei jeder Zeitung.

Hoffnung auf Veränderung

J: Es müsste eine radikale Veränderung in Mexiko geben, eine demokratische Regierung, die die Interessen der Gesellschaft verteidigt und dafür sorgt, dass es einen  Rechtsstaat gibt, damit das Gesetz für alle angewendet wird, für die Kämpfer und die Armen, und dass es gesichert ist, dass die Verfassungsrechte respektiert werden. Mexiko ist ein Land mit  fortgeschrittenen Gesetzen, aber mit sehr zurückgebliebenen Praktiken. Die Politiker, die Mächtigen, regieren über die Gesetze hinweg.

M: Wenn das so wäre, dürfte die Drogengewalt nicht mehr existieren, die jetzt nicht nur Guerrero, sondern zunehmend das ganze Land betrifft. Wenn die Rechte respektiert würden. sollte es nicht so viele Arme geben.

J: Es muss eine radikale Veränderung geben, eine gesellschaftliche Mobilisierung von Millionen Mexikanern, die sagen, das reicht. Das reicht: die Korruption des Staates zugunsten einer Minderheit. Das reicht: die Armut. Dies wird nicht von heute auf morgen geschehen, aber die Armut unseres Landes, die Ungleichheit ist skandalös. Und dies fordert einen Schritt  zu  machen, praktisch eine Revolution als Mobilisierung von Millionen Menschen, die die Regierung, die Armee und die polizeilichen Kräfte lahmlegt und zu einer grundlegenden Veränderung in Mexiko  zwingt.

L: Glaubt ihr, als Journalisten aus Guerrero, dass es Bedingungen für eine solche  Bewegung gibt?

M: Ja, die Bedingungen für eine soziale Zündung  sind gegeben, aber es fehlen Führungen, Organisation der Leute; einerseits schreitet die Armut fort,  andererseits kontrolliert eine Minderheit einen hohen Prozentsatz des Einkommens, das wir alle generieren, und es gibt eine unaufhaltsame Korruption und keineTransparenz. Die reichsten Unternehmer in Mexiko sind diejenigen, die Geschäfte mit der Regierung gemacht haben. Es sind nicht unabhängige Unternehmer, die wegen ihrer Kreativität Reichtum über Generationen geschaffen haben. Nein, alle sind Protegés und Profiteure der Regierung. So was nennen einige Ökonomen „Kapitalismus der Kumpel“ (capitalismo de compadres), d.h. die Geschäfte werden unter Freunden derselben Gruppe gemacht. Diese Zündung steht nicht unmittelbar bevor, in dieser Hinsicht bin ich bin eher pessimistisch; ich glaube nicht, dass die Leute sich ändern.

Die Geschichte Mexikos ist allerdings sehr von Ausbrüchen geprägt, z.B. die Kolonie dauerte 300 Jahre, aber sie endete in 20. Die Armee, die Hidalgo und Morelos bildeten, entstand von  einem Tag zum anderen; es gab in den vergangenen 300 Jahren keine Organisation. Danach kam die Regierung von Porfirio Díaz, die auch viele Jahre eine Diktatur aufrecht hielt, aber die Revolution und die Armee wurden in kürzester Zeit gebildet; die Division del Norte entstand in wenigen Tage, ebenso die Armee von Obregón. Das mexikanische Volk verträgt viel, aber es kommt irgendwann der Moment, in dem es sagt, es reicht! Wer weiß, wie lange es bis zu diesem Moment dauern wird, aber er wird kommen.

Gemeindepolizei

JK: Welche Rolle spielt heute die “Policía comunitaria“? Und wo gibt es sie? Wird sie noch reprimiert trotz des Rechts der Gemeinden darauf?

M: Die Gemeindepolizei entstand   1998 in San Luis Zacatlán und Malinaltepec, einer indigenen Gegend, und später breitete sie sich aus. Aber heutzutage adoptieren gemischte Gemeinden  diese Art der Selbstverteidigung, weil sie die einzig mögliche ist. Denn die Polizei, die Armee und alle korporativen oder institutionalisierten Kräfte sind mit der organisierten Kriminalität liiert, und zusammen bedrohen sie die Bevölkerung. Gestern erschien in El Sur, dass eine neue Gemeindepolizei in San Miguel Totolapa entstanden ist. Das ist ein Beispiel dafür, wie diese Form weiter entsteht, weil sie zur einzigen effektiven Selbstverteidigungsform wird gegenüber den Erpressungen oder dem Druck,  die Personen zu vertreiben. Deshalb ist sie in vielen Ortschaften Guerreros vorhanden–  Wir haben bereits  veröffentlicht, dass ca. 20 000 Personen in dieser Art Polizei der Gemeinde aktiv sind–  und zwar nicht nur in indigenen Gemeinden. Da sie aus dem Bedürfnis der Bevölkerung heraus entstanden, wurden sie zu Beginn von der Regierung toleriert, doch später fing diese an, sie einzuschüchtern und sie zu entwaffnen, und schließlich ihre Führungskräfte zu inhaftieren.

M: Was mit Nestora Salgado in Olinalá  passiert ist: Sie ist vor einem Monat befreit worden. Sie war in einer indigenen Gemeinde, ohne Indigene zu sein, und war Teil der Koordination der Autoritäten von Policías Comunitarias. Es gibt andere Führungskräfte der Koordination, die noch inhaftiert sind; vielleicht kann eine von denen kann befreit werden. Denn sie werden ins Gefängnis auf Grund fabrizierter Delikte gesteckt. Deshalb ist es nötig, dass der Prozess erneut geprüft wird und dass das Gesetz  erfüllt wird. Gonzalo Molina ist der Gemeindepolizist, der auf einem Foto mit einer G36 in Tixtla abgebildet ist. Durch ihn ist der illegale Verkauf von G36 Sturmgewehren der Firma Heckler und Koch in Mexiko herausgekommen, denn sie machten eine Demo in Tixtla, besetzen das Bürgermeisteramt, entwaffneten die Polizisten in einer nicht offensiven Aktion der Selbstverteidigung. Gonzalo zeigt die Waffe auf einem Foto, die er einem Polizisten abgenommen hat. Man hat ihn daraufhin ins Gefängnis gesteckt, hoffentlich kommt er bald frei. Es gibt einen Prozess für seine Freilassung.

Es gibt noch andere Gemeindepolizisten in den Gefängnissen von Acapulco, von Chilpancingo und von Ayutla und die Gemeindepolizisten oder Bürger anderer Regionen des Bundesstaates sind auch in ständiger Bedrohung, der Armee oder der Polizei ausgeliefert zu werden.

Zusammengefasst, sie müssen um ihr Überleben kämpfen, denn das Gesetz garantiert die Legalität der Gemeindepolizei nur ein einem sehr begrenzten Umfang, nämlich für die indigenen Völker, solange sie ihre Gemeinde nicht verlassen. Dennoch  ist sie zu einer wirksamen Form der Selbstverteidigung in den Gemeinden von Guerrero geworden, und sie breitet sich von Tag zu Tag weiter aus.

J:  Obwohl Nestora frei gekommen ist und Gonzalo möglicherweise freikommt, gibt es eine strukturelle Offensive der Regierung gegen die Gemeindepolizei, die beauftragten Funktionäre und sie will ihre reguläre Aktivität zum Verschwinden bringen.

JK: Wie in Michoacán?

J:  In Michoacan haben sie Abkommen geschlossen, sie wollen die Leute über das hinaus, was das Gesetz 701 beinhaltet, reglementieren, einschränken. Die das nicht akzeptieren, werden sie unterdrücken. Die Armee ist gänzlich gegen die Gemeindepolizei. Die sie nicht unterwerfen, werden sie, glaube ich, festnehmen.

Das sehr ernste Problem, das auf Guerrero zukommt, ist, dass es sehr große und mächtige Projekte der transnationalen Bergbauindustrie gibt. Guerrero ist überall voll von Gold, und es wurden schon ca 600 Lizenzen für den Abbau von Bodenschätzen erteilt, und die Mehrzahl liegen in indigenen Zonen, und ich glaube, dass sie in die Gemeinden gehen möchten. Die Gemeindepolizei ist ein Hindernis, weil diese Konzerne nicht mit der Gemeinde arbeiten wollen, sondern sie verbünden sich mit dem organisierten Verbrechen  um sie zu vertreiben. Dieses Problem steht bevor, weil die jetzige Regierung, die mit dem PRI kam, entschlossen ist; gestern hat sie ihren staatlichen Entwicklungsplan vorgelegt, und eine der 5 Prioritäten ist der Bergbau.

La Parota

 JK: Wie ist in diesem Zusammenhang die aktuelle Situation des Projekts des Stauwerks La Parota, das bisher durch den Widerstand der Leute aufgehalten wurde? Wie seht ihr die Lage der Megaprojekte?

M: Die Bewegung nennt sich Consejo de Ejidos y Comunidades Opositoras a La Parota ( Rat der Kooperativen und Gemeinden gegen La Parota). Sie hat sich gehalten, musste aber ihre Gemeindepolizei bilden, damit sie nicht immer wieder geprügelt, ins Gefängnis gesteckt und sonstwie misshandelt wurden. Sie musste auf diese Form der Selbstverteidigung zurückgreifen.  Nach der Freilassung des Anführers Marco Antonio Suáztegui, der ca 2 Jahre im Gefängnis war, hat sie sich gut erholt und gestärkt. Sie ist nie verschwunden, auch nicht als ihr Anführer gefangen war. Sie war starker Repression ausgesetzt. 3 Bauern wurden ermordet, aber sie besteht jetzt weiter und ist stark. Beweis dafür ist, dass sie das Stauwerk nicht bauen konnten , obwohl sie es jedes Jahr in das Budget der Bunderregierung stellen und obwohl sie hunderte Millionen Pesos ausgegeben haben für die Nebenkosten des Stauwerks, z.B. eine eindrucksvolle Straße, besser als alle, die wir in Guerrero kennen außer der Autobahn Del Sol, aber die ist  nicht in Gebrauch. Sie haben sie gebaut, weil sie dachten, unverzüglich die Konstruktion durchzuführen, aber das ist nicht geschehen.

Daraus lässt sich ersehen, dass die Bewegungen Verluste mit sich bringen. Das Kräfteverhältnis steht gegen sie. Aber dennoch erreichen sie etwas mit hohen Kosten, z.B. in der Sierra de Petatlán. Als ich anfing, dorthin zu gehen, bestand Besorgnis wegen der Ausbeutung der Wälder; ausländische Unternehmen drangen ein, die stärker waren, eine aus den USA, die sich Boise Cascade nannte.

J: eine der mächtigsten der Welt. Sie beutete Wälder in der ganzen Welt aus.

M: Sie hatte sich schon sehr gut installiert, einen Brücke gebaut, um das Holz der Sierra von Guerrero abzutransportieren. Danach ging sie weg nach Chile.  Damals gab es, wie gesagt, eine sehr große Besorgnis der Leute, die die Wälder schützen, und alle waren sich in einer Sache einig: wenn die Abholzung so weiterginge, würde sich die Sierra von Guerrero in eine Einöde, eine Wüste verwandeln. Gegenwärtig ist sie nicht zur Wüste geworden, aber auf Kosten wovon? Es bildete sich die Organisation, kämpfte, stoppte gewaltsam die Plünderung des Holzes.

J: Es gab viele Tote und Inhaftierte.

M:  Boise ging, aber viele sind noch im Gefängnis; so z.B. die von der Familie González, und ihre Koordinatorin und den Präsident hat man verschwinden lassen.

Jk: schickt ihr in einem solchen Fall die Information auch an Gefährten, Menschenrechtserteidiger in den USA oder sonst wo?  Woher kommen diese Unternehmen, welche die Rechte der indigenen Völker oder der  Leute, die dort sind, verletzen?

J: wir nicht, aber unsere Leser.

Jk: Habt ihr kein Netzwerk? Ich meine in den USA, Kanada, Europa, um Druck auszuüben.

J: Nein, wir sind eine Zeitung; wir kommunizieren mit anderen Zeitungen, nicht aber mit Menschenrechtsorganisationen. Unsere Funktion ist es zu informieren und wir sind eine Informationsquelle für verschiedene Zeitungen in den USA und Kanada; sehr häufig suchen sie den Kontakt, machen Interviews mit uns oder schauen in die Artikel, fragen uns, mit wem sie Kontakt aufnehmen, wohin sie In Guerrero gehen können. Das geschieht sehr häufig.

Veränderungen nach Ayotzinapa

H: Gibt es einen direkten Austausch mit Tlachinollan? Z.B. im Fall Ayotzinapa.

J: Nein.

M:  Die Beziehung zu ihnen ist eine der Quelle. Tlachinollan ist unsere Quelle.  Es ist eine äußerst wichtige Quelle wegen ihrer Tätigkeit bei der Verteidigung jeder Art von Menschenrechten in Guerrero.

JK: Ws Ayotzinapa betrifft, habt ihr die Umstände beschrieben, unter denen die Eltern ihren Kampf fortsetzen, die Arbeit der Unabhängigen Kommission etc.. Was hat sich für euch als Journalisten seit dem 26. September 2014 verändert? Ist eure Arbeit schwieriger geworden? Oder gab es keine sichtbaren Veränderungen?

M: Wir erleben als Journalisten seit damals eine Epoche der intensiven journalistischen Tätigkeit, die nicht nur von lokalem Interesse war, sondern die sogar eine Berichterstattung auf Weltniveau sein musste. Ein Beweis dafür sind auch eure Tätigkeiten. Jeder würde denken, dass nach einem so schwerwiegenden und dramatischen Ereignis – ich glaube, es gibt niermand auf der Welt, dem das Verschwinden von 43 Studenten und die Ermordung von 6 Personen gleichgültig wäre – dass das eine Bruchstelle in der Linie politischer Gewalttätigkeit und der Repression sozialer Bewegungen und insbesondere der Studenten dieser Schule sein würde: aber nichts dergleichen, es geht so weiter.  Kürzlich, vor 5 Tagen, wurden Studenten von Ayotzinapa, die dabei waren, in Chilpancingo Flugblätter zu verteilen, von Bundspolizisten grundlos geschlagen. Sie reagierten darauf, indem sie einen Polizisten in Tixtla als Geisel festhielten, den sie aber kurz darauf wieder freiließen. Das sind Geschehnisse, die man niemals zuvor in Guerrero gesehen hatte und die den Inhalt und die Anforderungen unserer Arbeit veränderten.  Es gab Monate, in den wir nicht ausruhen können und alle Tage mit Arbeit überhäuft waren. Unsere Arbeit wurde komplizierter und mühsamer.

Juan: Und wir haben höhere Anforderungen, denn mehr Leute sind am Thema interessiert, in Guerrero, außerhalb von Guerrero, außerhalb von Mexiko. Das nötigt uns, eine noch  sorgfältiger und genauere Arbeit zu machen bei der Sammlung der Information, und nahe an den Ereignissen zu sein. In diesem Sinne gab es in der Tat eine Veränderung nach Ayotzinapa. Was die Sicherheit betrifft, war das, was in jener Nach in Iguala passierte, etwas äußerst Schwerwiegendes, aber der Kontext unserer Arbeit hat sich nicht viel verändert.

J: Das Problem ist jetzt die Ungewissheit: wenn uns früher etwas passierte, war es klar, dass es entweder von der Armee oder dem Gouverneur oder dem Bürgermeister ausging, aber jetzt ist das nicht mehr so.

JK: Man weiß nicht, wer angreifen wird.

In Bezug auf die Aktivisten sozialer Bewegungen, seien es die Studenten von Ayotzinapa oder die Lehrer von Guerrero, ist ihr Kampf schwieriger geworden. Oder ist die Berichterstattung auf nationaler und internationaler Ebene für sie vorteilhaft, weil jetzt ausgedehnter berichtet wird?

J: das Zweite ist eingetreten. Z.B. ist die so genannte Bildungsreform ein ernstes Problem, dass sie nämlich den Lehrern die Stelle wegnehmen wollen mittels einer Evaluation. Der Bundesstaat, in dem es den meisten Widerstand dagegen gegeben hat, war nicht Oaxaca oder Michoacan, sondern Guerrero, trotz der Drohung, dass sie, wenn sie nicht an der Evaluation teilnehmen, entlassen werden. Nur 40% der einberufenen Lehrer gingen hin. Der Bildungsminister hat schon angekündigt, dass sie die Widerspenstigen entlassen werden, dass sie schon eine Liste mit 1300 Lehrern haben, die entlassen werden. Ich glaube, wenn sie das tatsächlich wagen, wird es in Guerrero einen Aufstand geben.

Perspektive einer neuen Bewegung

 JK:  Denkt die Regierung von Guerrero nicht daran, die Maßnahmen zu imitieren, die sie in Oaxaca ergriffen haben?

J: Da gibt es einen Unterschied. In Oaxaca gehören alle Lehrer zur Koordination, in Guerrero nur die Hälfte. Die offizielle Gewerkschaft hat weiterhin das Sagen, die Koordination nicht. Die Koordination kontrolliert nicht die SEP, sondern die Gewerkschaft kontrolliert sie.

Auf die Dauer ist es wichtiger, was in Guerrero geschieht. In Oaxaca waren die Lehrer schon Teil der Regierung; sie hatten das Bildungsministerium (SEP) inne. Und im Falle von Guerrero  ist es nicht so.  Es ist eine andere Bewegung. Ich glaube, dass  die Lehrer sie ( die Bewegung) auch in Gang bringen, denn sie werden eine breite Publizität haben, nach Ayotzinapa; dass sie nicht leicht zerschlagen werden.

Gut, zur Zeit ist die Regierung entschlossen, wenn nötig, zu unterdrücken; und das werden sie tun. Aber sie waren selbstsicher, und es geht ihnen sehr schlecht; jetzt ging es Peña Nieto sehr schlecht in Deutschland, in Dänemark; nicht nur bei den Menschenrechtsaktivisten wie euch, sondern auch bei den Regierungen selbst. Aber sie verlassen sich darauf, dass das transnationale Kapital sie beschützen wird, ihnen helfen wird. „Wir geben ihnen schon das Erdöl, die Bergwerke … also, sie sollen uns regieren lassen wie wir es können“. Und das kündigt sehr konfliktive Situationen in Mexiko an.

L: Peña Nieto verkauft in seinem Gespräch mit der Kanzlerin Merkel ein Land, das nicht existiert: das sicher ist und die Menschenrechte respektiert.

J: Das Problem ist jetzt die Führung. Ich habe dieser Tage in El Sur gelesen, dass es einen Protest der indigenen Raramuri in Chihuahua gibt gegen den Flugplatz, den sie in Creel bauen.  Alle indigenen Frauen sind dabei mit einigen Transparenten.

Dann gibt es noch ein Projekt von Peña Nieto, das er als Gouverneur begonnen hat mit dem Unternehmer, der sei Protegé ist, eine Autobahn Toluca-Acalpa. Dem hat sich eine indigene Gemeinschaft widersetzt.  Das war ihnen egal: sie schicken die Polizei hin, die Bagger. Peña Nieto unterzeichnete ein Dekret, obwohl der gerichtliche Prozess noch nicht abgeschlossen war, dass die Autobahn gebaut werden müsse, und gestern versammelten sich wieder die Bauern und blockierten die Arbeiten.  Zu beachten ist, dass dies nicht irgendein Projekt ist, nicht eines von irgendeinem Gouverneur oder lokalen Kaziken, sondern das des Präsidenten, ganz persönlich.

M: Außerdem haben sie schon Millionen ausgegeben, es ist ein eindrucksvolles Werk.

J: Und in Guerrero laden sie den ganzen Tag im Fernsehen und im Radio die Lehrer ein, zur Evaluation zu gehen: Hunderte von Spots in der Woche.  Und sie sind nicht gegangen.  Deshalb sage ich dir, dass es sich nähert … wegen dieser Indizien. An einigen Orten gibt es schon Ausbrüche. In einer kleinen Gemeinde, Yochicuautla, aber sie bekommt die Solidarität des ganzen Landes.

L: Es gibt keine Führung in Mexiko.

J: Es müssen sich neue Führungen bilden. Damit meine ich keine Caudillos , sondern ein Kollektiv?

Juan: Ja, und es kann eine Kampfstrategie geben und ein Programm; man kann nicht alles der Spontaneität überlassen. Ich glaube, aus diesen Bewegungen werden neue Führungen hervorgehen.

Die Waffen

JK: Anderes Thema: die Rüstung. Wir wissen, dass es viele Waffen von H&K  etc. gibt, in verschiedenen Händen. Dass es Kampagnen gibt die fordern, sie zu registrieren und abzugeben… Es ist bekannt, dass manchmal jemand eine sehr alte Waffe abgibt, aber eine andere, modernere behält. Die Frage ist: Wie steht es um die Waffen, die in Guerrero und im Lande verkauft werden oder existieren, denn jede Waffe ist potentiell gefährlich für die frustrierten und verzweifelten Leute, dass sie sie auf unverantwortliche Weise  gebrauchen und es denen von der anderen Seite nachmachen, den Regierungen  sozusagen. Die Frage ist, ob eine Registrierung der Waffen die Lösung wäre oder hieße das nur,  die Sonne mit dem Finger zuzudecken?

J: Es gibt keine Registrierung, und es gibt eine große Zirkulation von Waffen im Land. Der Großteil hat mit den Banden des organisierten Verbrechens zu tun. Ich glaube, dass 90% der Waffen aus den USA eingeschmuggelt werden.

M: Früher sagte man, das es auch die Waffen waren, die in Mittelamerika zirkuliert hatten oder die der Guerrillas und dass sie schließlich  nach Mexiko gebracht wurden, aber ich glaube, dass es sich jetzt mehr um diesen Waffenschmuggel handelt. Und die Arbeit der Deutschen, die zeigte, dass die deutschen Waffen auf einem nicht sehr legalen, aber dennoch institutionellen  Weg kamen und in die Hände von Drogenhändlern gelangten. Die Situation der Waffen ist sehr chaotisch: es gibt überall Waffen. Woher holen sich die Gemeindepolizisten ihre Waffen? Niemand gibt sie ihnen. Sie haben sie, sie sind kleinkalibrig, welche die Bauern benutzen. Aber sie sind schließlich Waffen. Das macht einem den Eindruck, dass alle Leute eine Waffe haben und sie im gegebenen Moment zücken. Und es gibt kein Register. Und Waffen, die nur die Polizei haben sollte, hat auch der Drogenhändler.  Dann kann man meinen, dass sie ihnen die vielleicht geben, verkaufen.

JK: Danke, dass ihr so ausführlich die Fragen beantwortet habt!

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